Exkursion nach Wien: Good Governance zwischen Verwaltungsinnovation und digitaler Souveränität
Am 26. März 2026 unternahmen wir im Rahmen unserer Lehrveranstaltung „Good Governance“ eine äußerst spannende und lehrreiche Exkursion nach Wien.
Im Bundeskanzleramt haben wir Innovation und Koordination kennengelernt. Danke an das Team mit Ralf Tatto, Benedikt Montag und Michael Kallinger (Bundeskanzleramt).
Der Tag bot uns die einmalige Gelegenheit, theoretische Konzepte staatlichen Handelns in der Praxis zu erleben und wurde durch zwei programmatische Schwerpunkte geprägt: die Modernisierung der Verwaltung am Vormittag im Bundeskanzleramt und den Schutz unserer demokratischen Strukturen am Nachmittag bei der Safe Democracy Convention.
Vormittag: Von der Pensionswelle bis zum Reallabor im Bundeskanzleramt
Unser erster Stopp führte uns in den historischen Kassensaal des Bundeskanzleramts, wo wir von der Sektion III – zuständig für Öffentlichen Dienst und Verwaltungsinnovation – empfangen wurden. Die Vorträge am Vormittag deckten ein enorm breites Spektrum ab und zeigten die aktuellen strukturellen Herausforderungen der Verwaltung auf: So wurde etwa thematisiert, dass in den nächsten 13 Jahren rund 44 % der Bundesbediensteten in Pension gehen werden, was ein massives Umdenken in der Personalpolitik und im Wissenstransfer erfordert. Zudem wurde die historische Entwicklung der Verwaltung beleuchtet – weg von starrer Hierarchie hin zu einer vernetzten und kooperativen „Public Governance“.
Ein zentraler inhaltlicher Pfeiler war das Konzept des „Open Government“, bei dem Transparenz, Kollaboration und Partizipation im Mittelpunkt stehen. Uns wurde der „Praxisleitfaden: Partizipation im digitalen Zeitalter“ vorgestellt, der als methodischer Baukasten dient, um Bürgerbeteiligung entlang des gesamten politischen Zyklus (Policy Cycle) strukturiert abzuwickeln. Wie die Verwaltung auf den rasanten technologischen Wandel reagiert, zeigte der präsentierte Leitfaden „Digitale Verwaltung: KI, Ethik und Recht“, durch den der Staat proaktiv ethische Leitplanken für den Einsatz neuer Technologien setzt.
Besonders faszinierend war für uns auch der Themenblock „New Work & Future of Work“. Hier verlässt sich das Bundeskanzleramt nicht auf graue Theorie, sondern nutzt sogenannte „Reallabore“ als Innovationsmotor. In diesen Laboren werden zukunftsorientierte Arbeitsweisen – wie etwa völlig flexible Arbeitsformen (entgrenzte Telearbeit), „Shared Leadership“ oder neuartige Büroinfrastrukturen – in einem räumlich und zeitlich klar begrenzten Rahmen experimentell getestet. Diese agilen Pilotprojekte werden wissenschaftlich begleitet, und erst wenn sie sich in der Praxis bewähren (etwa durch gestiegene Arbeitszufriedenheit), werden die Erkenntnisse auf die gesamte Organisation übertragen (Upscaling).
Nachmittag: Krisenfestigkeit auf der Safe Democracy Convention
Am Nachmittag wechselten wir in das beeindruckende Ambiente des Wiener Rathauses zur „Safe Democracy Convention 2026“. Hier stand ein hochaktuelles Thema im Fokus: die digitale Souveränität Europas.
In verschiedenen Panels und insgesamt vier vertiefenden Workshops setzten wir uns kritisch mit der Verwundbarkeit unserer Infrastruktur auseinander. Die Themenvielfalt der interaktiven Sessions war dabei groß: In der Arbeitsgruppe „Gemeinsam stark“ wurde diskutiert, wie die Verwaltung durch die gebündelte Beschaffung von Open-Source-Software unabhängiger werden kann. Der „Stresstest Trump“ befasste sich mit konkreten Notfallmaßnahmen für den Fall, dass uns der Zugriff auf essenzielle Cloud-Dienste entzogen wird. Wie man sich erfolgreich von US-Softwaregiganten emanzipieren kann, zeigte das Praxisbeispiel Schleswig-Holstein im Workshop „Zurück zur Souveränität“, während in der Gruppe „Playing the long game“ die langfristigen geopolitischen Herausforderungen rund um Hardware-Abhängigkeiten und globale Lieferketten beleuchtet wurden.
An den Best-Practice-Tischen der Convention konnten wir abschließend den Kreis zur Praxis schließen und konkrete Lösungsanbieter kennenlernen, die beispielsweise souveräne KI-Plattformen oder Systeme für hybride Bürgerbeteiligung in der Verwaltung umsetzen.
Fazit unseres Study Visits
Der Exkursionstag hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, dass moderne Governance heute immer zweigleisig gedacht werden muss: Einerseits erfordert sie den Mut, sich nach außen zu öffnen, partizipativ zu arbeiten und intern neue Arbeitswelten in Reallaboren zu erproben. Andererseits besteht die eiserne Pflicht, die eigenen digitalen Kerninfrastrukturen resilient und unabhängig zu gestalten. Denn nur wer technologisch handlungsfähig bleibt, kann auch in Zukunft demokratisch steuern.
Autor*innen: Eva Angerer, Michaela Brandl. Alexander Schauer Bildrechte: FH OÖ, Cecon und Bundeskanzleramt
In den beeindruckenden Räumlichkeiten des Wiener Rathauses fand die Safe Democracy Convention statt – und mittendrin unsere Public Manager*innen.
Staatssekretär Alexander Pröll und Minister Dirk Schrödter aus Schleswig Holstein diskutierten die Entwicklungspfade zur Digitalen Souveränität von Staaten.